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Müschterli, Anekdoten oder Episoden?
Der Verfasser hat sie zum kleineren Teil selber erlebt, die meisten stammen
aus Erzählungen in geselliger Runde. Aber alle sind wirklich - in Steinen
oder bei Steinern - passiert.
Inhalt:
Pfarrer Albin Schittenhelm,
1897-1967
«Der Blinde und der Lahme»
Dr Schniidr Schnüäriger
Savonarola redivivus
Über den Wolken muss die Freiheit wohl...
Gepflegte Hände
Man darf schon fragen, wenn man die Antwort nicht scheut...
Ticino divino - made in Steinen
Mit Dampf in den Himmel?
Vielbegangene Wege
Numä nid gschprängt
Ungleiche Talente
Stromausfall
Ein konservativer Bilderstürmer
Winzige Schrittlein
Seltenes Vergnügen
R-I-P
Das Rollen ferner Brandung
Die Wacht im Hühnerhaus
Selektives Gedächtnis
Ibach ist eine schöne Stadt. . .
D'r Paragraph
Fiat Lux
Fasnacht
sforzando
Lebus Negus
Pfarrer Albin Schittenhelm, 1897-1967
Ein ausnehmend begabter, mit mehreren Doktortiteln geehrter
frommer Mann, amtierte in Steinen von 1936 bis 1960. Er war auch ein gefürchteter
Schulinspektor, nebenbei als solcher ein grosser Vorkämpfer der «gemässigten
kleinschreibung». Zu seinem Begräbnis stiftete natürlich auch das hohe
Erziehungsdepartement des Kantons Schwyz einen schönen Kranz. Auf dessen
Schleife prangte in güldenen Lettern die Inschrift: «Unserm Schulinspecktor.
. .»
Es ist nicht anzunehmen, dass dem Engel Albin sein bärbeissiger Humor
im Himmel so schnell abgewöhnt werden konnte. Nur schade also, dass sein
Kommentar uns Irdische nicht mehr erreichte.
Biblische Geschichte auf Steinerart
oder
«Der Blinde und der Lahme»
Der Lahme - Thedori Koller vom Rössli, von Kindsbeinen
an hülpte er stark, wegen Kinderlähmung - und der Blinde - Gödl - waren
ihr Lebtag grosse Fischer auf dem Lauerzersee. Schon in reiferen Jahren
sind sie an einem kalten Novembertag einmal mehr beim «Schleiken» auf
dem See; der Thedori rudert und der Gödl hantiert mit dem «Seehund» und
den Schnüren. Ufsmal vertschlipft der Thedori und geiglet über Bord! Zwar
kann er schwimmen, über den hohen Rand des Holzbootes zu klettern, das
schafft er aber auch mit Hilfe von Gödl nicht mehr. Was tun?
Der Theodor hängt sich - Unterkörper im kalten Wasser - ans Bootsheck,
dirigiert den Gödl an die Stehruder und gibt ihm laufend die Richtung
an: chli mej links; rächts haa, rächts haa! bis sie beim Cholplatz das
rettende Land erreichen. Damit war aber nur der erste Teil des Abenteuers
bestanden. Jetzt galt es noch, den Thedori wieder zu tröchnen, bevor seine
Angetraute von der Geschichte erfuhr. Diese war nämlich über die Fischerei
nicht besonders erbaut. Die beiden Helden begeben sich also i's Brucker
Seffis Wagnerei bei der Aabachbrücke im Dorf. Dort wurde dann der halb
Erfrorene wieder in einen menschenähnlichen Zustand versetzt. Dabei wandte
der Seffi dem Vernehmen nach äusserlich die Wärme seines Sägemehlofens
an, unterstützt von innerlicher Verabreichung mehr oder weniger homöopathischer
Hausmittel.
Mein lieber Onkel Theodor kam auf jeden Fall wieder zwäg. Als ich einige
Monate später an einem Leichenessen neben ihn und seine Frau zu sitzen
kam, wollte ich mich aus erster Hand über das umlaufende Gerücht orientieren.
Vorerst fasste ich jedoch nur einen rechten Pungg unter dem Tisch ans
Schienbein: die Margrith wusste noch nichts ... Schlussendlich vollendete
der Thedori aber seine Erdentage doch im geliebten Lauerzersee: er ertrank
in seiner Schiffhütte in Seewen.
Dr Schniidr Schnüäriger
Dr Schniidr Schnüäriger von der Mühlegasse war ein kleiner
zwirbliger Mann. Achehrig und gwehrig brachte er seine grosse Familie
ehrlich durch härtere Zeiten, als es die heutigen sind. Die Schneiderei
war in den dreissiger bis fünfziger Jahren kein grosses Geschäft mehr.
So behalf sich Albert Schnüriger mit allerlei Nebenverdiensten: Tanzschenkern
im Rössli, Schweinezucht mit im ganzen Dorf eingesammeltem Süügwääsch
- mit den duftenden Nebenprodukten der Schweine wurde der Selbstversorgungs-Gemüsebau
angekurbelt und Reiseverkauf von Stoffen. So in den vierziger Jahren waren
die Ansichten über Nützlinge und Schädlinge im Landbau noch nicht ganz
gleich wie heute. Auf jeden Fall glaubte Albert einmal, den Grund für
unbefriedigende Erträge im Hausgarten an der Mühlegasse entdeckt zu haben:
die zahllosen Mettel! Kurz entschlossen steckt er kräftige Elektroden
aus Kupfer in den Garten, schliesst sie am Starkstrom an und kitzelt so
die unerwünschten Bodenbewohner aller Art an die Oberfläche. Ob die Erträge
entscheidend stiegen, ist mir nicht bekannt. Doch ist anzunehmen, dass
ein grosser Teil der Tierchen nach der Elektromassage auch noch schwimmen
lernen musste: an einer Angel in der Steineraa.
Zum Stoffverkauf auf der Reise hängte sich der Schniider Schnüriger an
Lederriemen zwei schwere Musterkoffer über die Schulter. An einem heissen
Frühsommertag keucht er damit das Steinertal gegen den Adelboden hinauf.
Zeit ist Geld, denkt der emsige Kaufmann - damals selbstverständlich in
tadelloser Kleidung aus schwerem englischem Stoff, mit Gilet und Krawatte
- und sticht den steilen Stutz oberhalb Stadlers bolzgrade hinauf, nicht
dem Fussweglein entlang. Schwitzend und schnaufend wuchtet er zuoberst
die Koffer über einen Hag um nachher selber darüber zu klettern. Wills
der Tüüfel entgleiten ihm aber die Tonnerskoffer und kollern fröhlich
wieder den Hoger hinab! - Der Schnüäriger Bärti etwas weniger fröhlich
hintendrein. Der Zapfen war aber erst dann ganz ab, als z'Chälis Oettl,
der unsern Sisyphus von einem Chriesibaum appen beobachtet hatte, ein
giftiges Jüüzlein nicht verklemmen konnte.
Savonarola redivivus
Z'Spängler Holdeners Wiisel von der Mühlegasse ging früher
wie alle Handwerker viel zu den Bauern «auf die Stör». Einmal war er mit
seinem leicht behinderten Stiefbruder Xaveri zusammen im Turä. Nach dem
Nachtessen kam für die beiden noch eine Aufgabe, bei der sie sich schwerer
taten als beim Blechklopfen. - Nein, ich meine nicht das Löten, das bewältigten
sie virtuos in jeder Variante . . . - Anstatt einen Jass zu klopfen, wie
sie es gewohnt waren, mussten sie helfen beim Rosenkranz-Beten. Geschadet
hat's ihnen sicher nicht, aber es kamen auch gar viele Anliegen aufs Tapet,
die unbedingt noch den Heiligen unterbreitet werden mussten, nachdem man
ja gerade zwei zusätzliche fromme Beter aus der Mutterpfarrei Steinen
zur Unterstützung hatte. Wie alle schon fast am Chuchitisch einschlafen,
facht die Grossmutter den heiligen Eifer ein letztes Mal gewaltig an:
«Sou und etz nu füüf Vaterunser und Gegrüsseischtu für unsern Märtel,
das är die ver ...h... Suu nid hüraatet! »
Über den Wolken -
muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ...
Über Steinen hinweg führt eine internationale Luftstrasse.
Und ich bin chaibämässig stolz auf eine sehr hübsche Cousine, die bei
der Swissair als Stewardess angefangen hatte, Karriere machte und heute
für die Ausbildung von über 200 Hostessen verantwortlich ist.
Damit sie den Kontakt mit der Wirklichkeit nicht verliert, macht sie bei
jeder Gelegenheit selber auch wieder Dienst, etwa in einem Jumbojet. Dabei
sagt sie einmal beim Start in Kloten zum Captain, er solle es ihr dann
bitte melden, wenn sie über Steinen seien, sie wolle hinunterschauen.
Pia beginnt mit dem Bordservice, fädelt gerade das Dinnerwägeli durch
den engen Gang. Plötzlich macht der Jumbo einen uuuchaiben Taucher. Unisono-Aufschrei
der Passagiere. - Die schönen Zabigplättli rutschen aus den Fächern auf
den Teppich, und aus dem Bordlautsprecher säuselt beruhigend die Stimme
des Piloten: «Hello Pia, this is Steinen!»
Gepflegte Hände
Feine Hände zu haben, bedeutet in unserem Bauern-, Arbeiter-
und Gewerblerdörfli nicht unbedingt eine Auszeichnung.
Da nimmt einmal an der Fasnacht z'Sännanässä Seffi als Maschgrad einen
hoch. Als Senn hat er nun aber eben verhältnismässig weiche Hände. Der
andere schaut nur diese an, haut auf den Tisch und ruft: «Du verbränti
Zainä, a de Händän aa isch das bimaich a ZüüghüüsIer!»
Man darf schon fragen, wenn man
die Antwort nicht scheut...
Z'Schürmesä Gopfriid sitzt eines Morgen in einer Wirtschaft
in Lauerz allein am runden Tisch, er lässt seinen Kopf melancholisch den
Tisch herunterhängen.
Es kommen zwei Lauerzer Viehhändler dazu, wollen ihn ein wenig necken
und fragen: Gopfridel, warum laasch au äso de Grind la lampä?» Gopfried
hebt kurz den Blick: «Bi geschter ufem Veejhandi gsii; tarf käm Mänsch
mej i d'Augä luegä!»
Ein anderes Mal, in Steinen war gerade die damals noch leidige Schulhausbaugeschichte
ingang, der Gopfried - oder war's eher der Gödl? - sitzt auch wieder in
Lauerz: «Sosou Gopfridl, wenn wönd au d'Steiner äntli ires Schuelhuus
buuä?» «Wenn de d'Lauerzer ires zallt hend!»
Ticino divino - made in Steinen
Ein lieber Tessiner Verwandter, Gemüsehändler und grosser
Feinschmecker - schon von Berufes wegen kennt er sämtliche Grotti und
Trattorien unserer Sonnenstube, welche diesen Namen verdienen - wollte
mir einmal mit einer ganz besondern Spezialität Freude bereiten: extra
feiner Tessiner Käse, wie man ihn nur da und da bekomme, unter der Hand!
Olivenöl vom Besten solle ich dazu nehmen, ein Glaslein von einem genau
definierten Merlot, «e tu vedrai, Giüsep, I'è una cannonada!»
Erwartungsvoll
entblättere ich das Wunderding. Das Herz wird mir ganz warm, wie anstatt
dem Monte Brè etwas leicht Mythen-ähnliches auf der Etikette prangt. Und
nun wisst ihr bereits, was der liebe Dario nicht ahnen konnte: der Formagella
war natürlich vos Stygers Tönel!
Mit Dampf in den Himmel?
Die «Grouss Stygeri», auch Parämejtr genannt, war eine
Hausiererin, die in den dreissiger Jahren gestorben ist. Ihr Beruf brachte
es mit sich: sie war nicht gerade mundfaul. Einmal kommt sie in Steinen
etwas spät auf den Bahnhof; der Zug steht da, der Vorstand hat die Kelle
parat, und der Kondukteur ruft vom Trittbrett herab: «Chömid au einisch,
Frau, iär chömid nu einisch z'spät i Himmel!»
Gibt die Grouss-Stygeri zurück: Jaa, de hangi de halt grad amenän Lisäbähndler
aa!»
Vielbegangene Wege
Karl Muheim, Landwirt auf dem Frauholz, in jungen Jahren
von Uri her nach Steinen zugewandert, wandte sich erst in reiferem Alter
der Politik zu; doch wurde er darin, hauptsächlich als Fürsorge- und Waisenamtspräsident,
legendär.
Da luden sie einmal ein Päärli alter Kunden der Gemeinde vor, das nicht
gerade gut beleumundet war, beide auch geistig eher unterbemittelt, und
von dem das löbliche Waisenamt vernommen hatte, sie wollten heiraten.
Man versucht, ihnen das auszureden, weil die Schwierigkeiten vorauszusehen
sind, die mit Erziehung und Lebensunterhalt von eventuellen Nachkommen
entstehen würden. Eindringliches Reden hilft aber gar nichts. Schlussendlich
tätscht die zarte Braut ihren letzten Trumpf auf den Tisch: «lähr Herrä,
es ischt dann noch gar nicht sicher, dass nicht schon Oeppis unterwegs
ist!! Könnt ihr dafür die Verantwortung übernehmen?»
Darauf der Muheim trocken: «Ufemä Wäggli wo vill gloffä wird, wachst gwehndli
kä Gras». Die beiden heirateten, «Gras» wuchs keines!
Numä nid gschprängt
Wieder einmal geht Pfarrer Schittenhelm auf Schulbesuch.
Wie er zum betreffenden Schulhaus kommt, rennt ihn ein grosser Sechstklässler-Lümmel
fast über den Haufen, hintendrein hastet mit fliegendem Kopftuch, Stecken
in der Hand, eine Lehrschwester. Wie sie den gefürchteten Schulmann sieht,
erstarrt sie wie Lots Weib, und er fragt, was denn los sei. Die Schwester
darf das Wort fast nicht in den Mund nehmen, haucht aber schlussendlich
doch errötend: der Kärli habe gesagt, sie solle ihm - «is Füdli blaasen!»
Albin Schittenhelm: «Ja, und jetzt, pressiert das so?»
Er selber war auch nicht gerade der Langsamste. Auf jeden Fall hat man
es in Steinen seither nie mehr erlebt, dass ein Sonntags-Jugendgottesdienst,
Kurzpredigt inbegriffen, in zwanzig Minuten vorbei ist. Bei ihm war es
die Regel.
Ungleiche Talente
Pfarrer Schittenhelm ist auf Inspektions-Reise. Sein Auto
will nicht so recht; nahe bei einem Haus ausser dem Dorf Muotathal steht
es still. Er klappt den Motordeckel auf, schaut ziemlich ratlos hinein.
Macht sich gar nicht gut, wenn der Herr Inspektor zu spät kommt! Ja, wenn
man den Motor mit grammatikalisch einwandfreiem und theologisch unanfechtbarem
Gebet, notfalls mit Exorzismus, bearbeiten könnte, wäre das kein Problem!
Der stählerne Knecht ist aber leider einem mehr mechanistischen Weltbild
verhaftet. Wie sagte doch Albins Kollege von der Konkurrenz: «Da hilft
kein Singen und Beten, da hilft nur Dreinschlagen!» Abgesehen davon war
Singen ohnehin nicht seine Stärke: Pfarrer Schittenhelms Achillesferse
lag sozusagen im Kehlkopf!
Kommt aus dem Haus ein Bub, hin- und hergerissen: die schwarze Soutane
empfiehlt vorsichtige Distanz, der kranke Motor zieht magnetisch an -
Neugier und Hilfsbereitschaft obsiegen! Der Bub schaut nur kurz in die
Eingeweide des VW. Dreinschlagen ist nicht vonnöten; er dreht nur kurz
an ein, zwei der für den Kirchenmann so geheimnisvollen Schräubelein und
sagt zu ihm, er solle jetzt anlassen. Der Motor schnurrt rund wie ein
Wecker!
Nach herzlichem Dank fragt nun doch der Herr Schulinspektor den Buben,
ob er denn nicht in die Schule müsse, sie hätten doch heute Examen?
«Ja, schon, Herr Pfarrer, aber die Schulschwester hat gesagt, ich soll
daheim bleiben, ich sei viel zu dumm fürs Examen!»
Ich bin sicher, dass jetzt unser Pfarrer, als bekannt milder Beichtvater
- konnte er schon dem VW-Motor nicht selber helfen - wenigstens für den
«dummen» Mechaniker und dessen ehrgeizige Schulschwester eine einschlägige
Partial-, General- oder auch Pauschal-Absolution zur Hand hatte!
Stromausfall
Diese wahre Geschichte spielt in moderneren Zeiten, das
«Waisenamt» hat sich schon zur vornehmeren «Vormundschaftsbehörde» gemausert.
Aber die Kunden gleichen den früheren aufs Haar.
Wir erfuhren, dass ein älterer Knabe nächstens eine grosse Auszahlung
aus der Pensionskasse seines Arbeitgebers bar erhalten werde. Der gute
Mann hatte aber bereits schwere Schulden, und jedes «vorige» Fränkli schoppte
er in die «einarmigen Banditen» = Spielautomaten. Wir luden ihn also vor,
um ihm ins Gewissen zu reden - rechtlich kann man ja sowieso nichts unternehmen,
bevor das Geldli vollkommen vertan ist.
Im Abstimmungszimmer macht der Gmeindschriiber dem Manne die rechtliche
Lage mit gewählten und präzisen Worten klar, der Vormundschaftspräsi doppelt
mit etwas gröberem Geschütz nach - «du weisst, wie die Sache läuft, zuletzt
müssen wir dich noch vogten» - und der Gemeindepräsident kann's auch nicht
lassen, noch ein paar Minuten lang «weise Worte des Vorsitzenden Mao»
zu produzieren. Nachher schauen die Drei den Purscht erwartungsvoll an;
was meint er dazu?
Der beginnt gemächlich an seinem Höhrapparätli hinter dem rechten Ohr
zu trüllen, dann am linken, nachher nestelt er umständlich ein flaches
Etui aus dem Brusttäschlein und nuschelt vor sich hin: «Isch ietz scho
nu tumm, die chaibe Patterie isch mäni dundä! - i ghörä rein gaar nüüd.»
Ja ja, kurz ist der Weg vom Weisen zum Waisenchnaben.
Ein konservativer Bilderstürmer
Der Wiget Franz vom Adelboden war ein KK-Politiker vom
alten Schrot, gefürchtet und beliebt, je nach Standort des Subjekts. Auch
im Kantonsrat landete er mit knappen Worten manchen Treffer. So zum Beispiel
als es darum ging, einem Brigadier, der sich für unsere Innerschweiz sehr
verdient gemacht hatte, ein Denkmal zu setzen. Denkmäler sind zwar nicht
so unsere Art, aber doch wollte im Kantonsrat niemand gerne direkt den
Böölimaa spielen. Erst «der Schnauz» brachte das Monument zu Fall, bevor
es stand, und zwar sinnigerweise mit einem befürwortenden Votum: «Also,
Ihr Herren, ich bin ganz dafür, dass dem Herrn Brigadier ein Denkmal errichtet
wird. Nur würde ich vorschlagen, es dann nicht in Schwyz, sondern im Ängibärg
ussen zu erstellen!»
Es ging nämlich damals die Sage, der hohe Offizier hätte im Engiberg zarte
Bande geknüpft, von denen niemand etwas wissen sollte, die aber sogar
ohne Mithilfe des sowjetischen KGB entschleiert und scheints auch im Kantonsrat
wohl bekannt waren ...
Winzige Schrittlein
Es gibt Leute, die überall, wo sie durchkommen, eine
Spur von Zerstörung, Aufregung, gar Hass zurücklassen. Manchmal versuchen
solche dann den ganz «Grossen Sprung nach vorn» - und was sie schaffen,
ist wiederum nur ein Scherbenhaufen.
Und es gibt andere, die bewusst oder unbewusst durch ihre Gegenwart heilen,
pflegen, ein kleines Leuchten bringen. In ihrer unerschütterlichen Zielsicherheit
können sie sich erlauben, immer nur ganz kleine Schrittchen, dafür zum
richtigen Ziel hin, zu tun.
Ds'Fräuli Vögäli vom Bürgerheim gehörte zur zweiten Sorte. Darum soll
sie hier ein kleines Denkmälchen haben:
Mit dem hölzernen Handwagen hausierte sie äs chliis grings Frauäli - für
das Bürgerheim mit dem im Garten gezogenen Gemüse. Dabei kam sie - selbstverständlich
zu Fuss - auch bis nach Schwyz. Eine vorbildliche Verkäuferin, konnte
sie mit einem gewinnenden Lächeln jeder Hausfrau etwas verkaufen, auch
wenn diese meinte, sie brauche nichts. Und was mich am meisten beeindruckte:
wenn sie auf der Hauseinfahrt etwa ein Papierchen liegen sah, war sie
nie zu müde, sich zu bücken und dieses aufzuheben. Als später die Bürgerheim-Pensionäre
wegen dem Umbau nach Brunnen verlegt wurden, soll sie das sogar auf dem
Gotthardbahn-Gleise versucht haben. Eine Manie, die ausgelacht und bekämpft
werden muss? Oder der stete bescheidene Versuch, im Universum ein ganz
klein wenig mehr Ordnung zu hinterlassen, winzige Schrittlein auf dem
Weg in den Himmel?
Der Unterschied: Die Internationalen Bocksprung-Ideologen möchten pauschal
gleich die ganze Welt beglücken, aber immer so, dass alle andern gumpen,
von welchen sie sich auch noch ernähren lassen. Hingegen die kleinen Vögelein
picken, hüpfen, flattern selber, füttern dabei noch die hungrigen Jungen!
Seltenes Vergnügen
An der Beerdigung meiner unvergessenen Grossmutter, Frau
Ida Koller-Bürgi vom Rössli, schritt der Frauenverein voran, dahinter
kam die Musikgesellschaft. Sagt z'Lientschä Sejbl zu seinem Nachbarn:
«Etz chömmer einisch am Frauäverein is Füdlä blasä! »
R-I-P
Z'Lientschä Sejbl, der Felchlin Wilhelm und der Schibig
Walter vom Konsum kommen auf ein Paar zu reden, das sein Lebtag zankte
und stritt. Sagt der Sejbl abschliessend: «Diä sind hüt nu hinderänand,
- im Fridhouf obä.»
Das Rollen ferner Brandung
Einige Jahre nach dem letzten Weltkrieg kam mehrmals nacheinander
eine Architekten-Familie aus Frankfurt nach Steinen in die Ferien. Sie
hatten in der Hitlerzeit das Böse erlebt, der Vater war dem KZ entronnen;
wen wunderts, dass dörfliche Ruhe und Frieden für sie lebenswichtig wurden.
An einem warmen Sommerabend stehen in der Rösslistube alle Fenster weit
offen, die Leute aus Frankfurt sitzen am Kanapee-Tisch, sonst kaum Gäste.
Das Gespräch stockt, versickert; allein das Plätschern des Dorfbrunnens
vor dem Fenster betont noch die geradezu spürbare Stille, den Frieden.
Nach einer Weile sagt der Mann mit belegter Stimme, langsam und deutlich
wie eine Beschwörung: «Mein Gott - dass dies noch möglich ist-!»
Die Wacht im Hühnerhaus
Ein paar Zeughäusler transportieren miteinander ein sperriges
Hüönderhuusli auf einem Handkarren von der Lauigasse ins Frauholz. Bi's
Suters im Leuä genehmigen sie noch «schnell» äs Kafej. Wie sie endlich
weiterfahren wollen, polterts im Hühnerhaus: ihr Kollege, der Musikdirigent
Birchler Toni, hatte gedacht, weils ja nidsi gehe, könne er genauso gut
im Häuslein hocken anstatt laufen; das hatten die andern nicht bemerkt
-?- und am Türli des Hauses den Schlüssel gedreht...
Selektives Gedächtnis
S'Chündigs Sejbl, Coiffeur, Maskengarderobier, Musiker,
Tambour und Wirt der liberalen Hochburg «Bierhalle» lässt Fünfe grad sein,
mag auch den Frommen etwas gönnen. Also lässt er den Lehrschwestern auf
Weihnacht eine gute Flasche Wein bringen. Das Botenkind kommt zurück:
die Schwestern liessen vielmals danken, und sie würden dann für den Herrn
Kündig ein paar Vaterunser beten. «Ja das isch rächt. lich ghijä souisou
immr druus däbii.»
Ibach ist eine schöne Stadt. .
.
In den fünfziger Jahren schafft die Musikgesellschaft
eine moderne Uniform an, dunkelblau mit weissem Hemd. - Hemden waren bis
dahin wegen den hochgeschlossenen Uniformkrägen nicht üblich. - In Immensee
treten sie erstmals damit auf; nachher in der Beiz sind sie Tischnachbarn
der Ibächler. Da giftlet ein Ibächler wegen den noch ungewohnten weissen
Hemden. Gibt z'Lientschä Sejbl den Ball zurück «Wir müssen sie halt nicht
in der Muotaa waschen!»
D'r Paragraph
Er hiess eigentlich Karl Wüst und legte grossen Wert
darauf, dass man den Namen nicht mit «Wüäscht» sondern korrekt «Wüst»
aussprach. Er hatte noch einen zweiten Übernamen: d's Arbeiterdänkmal.
Paragraph, weil er als Horstarbeiter ein grosser Kämpfer für die gesetzlich
verbrieften Rechte der Arbeiter, sämtliche einschlägigen Paragraphen auswendig
zitieren konnte. Arbeiterdenkmal: in freien Stunden stand er gern und
oft unter dem Bogen, ä Fluäh von einem Mann, Beine gespreizt, beide Hände
oben auf einen gut anderthalb-metrigen kinderarmdicken Prügel gelegt,
und den rotbärtigen Kopf darauf gestützt. Seine listigen Augen registrierten
alles, was auf und um den Dorfplatz geschah und sein wacher Verstand mass
es wohl laufend an den griffbereiten Paragraphen. Einmal zwingt mich sein
bestimmter Ruf: «Sejjbl!» zu ihm unter den Bogen. Dann zieht er aus seinem
Segeltuchrucksack einen vom langen Herumtragen schon schmusligen Holzrugel
und fragt mich examinierend: «Sejjbl chasch mier sääge, was das für ein
Holz ist?» Ich schaue es von allen Seiten an, rieche daran, muss aber
passen. Darauf der Paragraph triumphierend: «Mit diesem Stück habe ich
schon sämtliche sogenannte Holzfachleute von Steinen vertwütscht! Das
solltet ihr wissen, das ist ein schtänds verreckts ÖpfIbäumli! »
Fiat Lux
Einmal fand der Sigrist nach dem sonntäglichen Gottesdienst
in der Opferbüchse einen in Papier sorgfältig eingewickelten Einräppler.
Auf dem Zettel stand zu lesen: «Für mehr Licht in der Kirche!»
Jetzt war der Pfarrer Schittenhelm dafür bekannt, dass er jeweils an Neujahr
in einer immer besonders gepfefferten Predigt die eher irdische Seite
des vergangenen Kirchenjahres aufrollte und kommentierte.
Zum Licht-Rappen sinnierte er von der Kanzel: «Ich komme da in einen echten
Gewissenskonflikt, Geliebte in Christo dem Herrn: darf ich von dem Einräppler
jetzt für die Kirchenbeleuchtung nur den Zins verwenden, oder soll ich
auch das Kapital angreifen?»
Fasnacht
Fasnacht ist für uns Steiner der höchste Feiertag im Jahr,
unser Narrentanz ist weitaus schöner als alle andern, so reden wir uns
immer wieder ein - und vorsichtshalber wollen wir gar nicht so genau wissen,
wie die Fasnacht andernorts ist.
In allem andern spielen wir gegenüber den Schwyzern eher die Rolle der
ärmlichen Verwandten: wir sind nicht so fein gebildet, unsere Sprache
ist eher grob, wir haben weder Dichter, Advokaten noch Gelehrte, Politiker
ausser dem Stauffacher immer nur dritte Garnitur, aber dass wir die schönste
Fasnacht haben, das lassen wir uns nicht ausreden!
Bestärkt in diesem patriotischen Gefühl hat uns besonders die Tatsache,
dass die Schwyzer schon auf zweien ihrer schönen Fremdenverkehrsprospekte
zwecks Werbung die Steiner Maschgradenrott abgebildet haben: der Xaveri
Schulthess hatte sie an einem Umzug neben dem Gwärbschuelhuus abfotografiert.
Was schön ist, soll man zeigen! - In Schwyz haben sie ja dafür den Kantonsrat.
sforzando
Der Aläwisi war noch nicht lange bei der Musikgesellschaft
Steinen, er schlug den Triangel. Auch der Dirigent Landis war erst seit
kurzem dabei. Wie sie da proben, kommt eine Passage, bei der dem Herrn
Landis des Wiisels Geklimper nicht so ganz gefallen will. Er klopft ab:
«Sie da mit dem Triangel, haben sie gesehen, was an dieser Stelle oben
an den Noten geschrieben ist?» Der Wiisel nid fuul: «lich wesou jäjaa:
S f z, 'SSSeeholzer fffoll ziehen'!»
Lebus Negus
Nachdem in Seewen 1936 die Negusgesellschaft entstanden
war, kam der Negus in den ersten Jahren, bevor eine eigene motorisierte
Staatskarosse angeschafft wurde, jeweils samt den Hofschranzen mit Extra-Staats-Zug
nach Addis-a-Seeba angefahren. Diesen Zug bestieg die erlauchte Gesellschaft
alig in Steinen. Einmal waren sie etwas zu früh, gingen darum noch «schnell»
zu's Schibigs ins Bahnhöfli. Die Steiner Maschgraden liessen sich natürlich
nicht lumpen und bewirteten den kaiserlichen Gast standesgemäss, nicht
nur fürstlich. Vielleicht war er als Afrikaner des Feuerwassers nicht
so gewöhnt; auf jeden Fall hatten ihre Majestät beim Aussteigen in Seeben
etwelche Mühe. Die Thronrede konnte Exzellenz nicht halten, was dann -
richtigerweise - mit der unerhört strapaziösen Reise entschuldigt wurde!
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